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Topic title - Kurzgeschichten zu Nehrim

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Kurzgeschichten zu Nehrim - by Arandor
Posted: 20.04.2007 17:55
Hier werden immer wieder mal einige kleine Geschichten aus der Welt von Nehrim zu finden sein. Den Anfang macht eine Kurzgeschichte aus dem Nordreich:
„Wenn wir jetzt durch diese Tür gehen ... werden wir dann sterben?“
„Sei kein Dummkopf!“, fuhr Dramir seinen jüngeren Bruder mit dem ihm typischen Ungestüm an. „Niemand wird hier sterben, am allerwenigsten du!“
Gerrit senkte schnell den Kopf. „Wenn du meinst ...“ Mehr brachte seine piepsige Stimme, die er so verabscheute, nicht hervor. „Du wirst es schon wissen, Dramir.“
Dieser schob seinen kleinen Bruder mit einer hastigen Bewegung seines muskulösen Armes schützend hinter sich und legte die kräftigen Finger sachte auf den Türknauf. Ihnen blieb einzig die Hoffnung, dass die Soldaten des Kanzlers sie beim Herauseilen nicht sehen würden, denn einen anderen Weg aus dem Haus gab es nicht.
Langsam öffnete er die Tür einen Spalt breit und spähte hindurch. Die Luft schien rein zu sein – für den Moment jedenfalls.
„Also hör zu ...“, begann er zu sprechen, nachdem er den Spalt wieder geschlossen hatte. Der vor ihm stehende Gerrit war verängstigt.
„Wir werden gleich aus dem Haus heraus und in den nächsten Stadtring rennen“, erklärte Dramir geduldig, aber äußerst angespannt. Sein Bruder nickte vage. „Du kennst den Weg zum Tor doch, nicht wahr? Schau auf jeden Fall immer auf den Weg und bleib dicht hinter mir. Wenn uns die Soldaten einholen ...“
Dramir wurde für einen kurzen Augenblick unruhig, fing sich aber wieder.
„Nun ja, so weit wird es nicht kommen.“
Die Lage machte Gerrit große Angst. Selbst sein Bruder, sein großer und starker Bruder Dramir schien sich zu fürchten vor den Soldaten des Kanzlers, die vor wenigen Minuten erst das Tor zur Nordstadt durchbrochen hatten ...
„Los!“, schallte Dramirs gedämpfter Ruf, mit dem er all seine nervöse und angsterfüllte Anspannung in wilde Entschlossenheit umwandeln zu wollen schien.


Die Straße machte oft eine scharfe Kurve, was es unmöglich machte, nahende Soldaten im Voraus zu erspähen. Gerrit behielt geradezu stoisch den breiten Rücken seines großen Bruders im Auge, nur um einen vertrauten Bezugspunkt im plötzlich hereingebrochenen Chaos zu haben; der laue Wind trug neben stechendem Brandgeruch auch den bedrohlichen Lärm eines Kampfes näher, der wohl in unmittelbarer Nähre ausgefochten wurde.
Dramir lief schnell, und Gerrit hatte große Mühe, mit ihm Schritt halten zu können. Zudem wurden seine kurzen Beine durch die Angst geradezu betäubt – Angst, die bald in Panik umschlagen könnte. Hinter jeder Kurve, aus jeder angrenzenden Gasse konnten die Soldaten des Kanzlers Baratheon hervorstürmen und würden dann nicht lange zögern. „Der Kanzler“, hatte Gerrit von seinem großen Bruder erfahren, „kennt kein Erbarmen mit Abtrünnigen und Rebellen“; inwiefern der kleine Gerrit aber ein Rebell sein sollte, hatte er nicht verstanden. Warum die Soldaten ihn töten wollten, erst recht nicht.
„Dort vorne ist das Tor!“, jubelte Dramir im Rennen und vergewisserte sich mit einem Schulterblick, dass Gerrit noch hinter ihm war. Das auf ihn zuschwingende Schwert sah nur sein kleiner Bruder, aber Dramir spürte, wie es seinen Bauch aufritzte. Sie waren von den Soldaten gesehen worden. Dramir sank zu Boden.
Der piepsige Schrei von Gerrit währte nicht lange; denn als zwei herbeigeeilte Wachen der Nordstadt den Soldaten des Kanzlers, der Dramir mit dem Schwert getroffen hatte, niederstreckten, vermochte der kleine Junge bei diesem Anblick von Tod kein Glied mehr zu rühren und versteifte sich mit weit aufgerissenen Augen zu einem Ebenbild starrer Entsetztheit. Jeglicher Laut blieb ihm in der Kehle stecken und drohte ihn förmlich zu ersticken.
„Verdammt, Gerrit“, keuchte Dramir. „Lauf zum Tor, verdammt, geh durch das Tor!“
Eine der Wachen hob den erstummten Gerrit hoch und eilte mit ihm in Richtung Tor, während sich der andere um Dramir kümmerte und ihn in die Sicherheit des nächsten Stadtringes ziehen wollte. Die Soldaten des Kanzlers ließen ihn aber nicht weit kommen.
Gerrit schaffte es. Plötzlich war er hinter dem Tor, in Sicherheit ... doch sein großer Bruder Dramir fehlte.
Noch immer hatte er Angst, sogar sehr große. Über die Mauern des Stadtringes schallten die Rufe der Soldaten des Kanzlers; „Baratheon lässt keine Gnade walten vor den Aufsässigen der Nordstadt!“, schrie eine raue Stimme, die sich anhörte wie die des Henkers auf dem Weg zum Schafott. „Alle Rebellen hier sind des Todes!“


Inmitten der eilig umherlaufenden Wachen stand der kleine Gerrit ängstlich und verloren da. Der Kanzler hatte den ersten Teil der Nordstadt eingenommen; die restlichen waren wohl nur noch eine Frage der Zeit.
„Tod den Rebellen!“, erschallte es abermals. Inwiefern er oder sein Bruder aber mehr gewesen sein sollten als Bürger der Nordstadt, das verstand Gerrit nicht. Tatsächlich wusste er in seiner kindlichen Unschuld noch nicht einmal, was ein Rebell überhaupt war.
- by Hoxyd
Posted: 11.07.2007 18:09
Eine weitere Kurzgeschichte von Arandor:

Irdischer Marmor

Es war fast geschafft.

Ihre Beine trugen sie schneller zu diesem Ort hin, als sie je zuvor gelaufen war. Was sie antrieb, waren keine Gedanken – es war die bloße Vorfreude auf ihr Ziel. Vor ihr lag bereits die hohe Tür, hinter der ihr größter, ihr sehnlichster Wunsch auf sie wartete. Ein angenehmes Gefühl der Vorfreude und Erwartung umschlang sie immer fester und nahm ihr durch seinen Griff beinahe den Atem. Nachdem sie alle Mühen der langen Anreise hinter sich gelassen hatte, allen ihr aufgelauerten Gefahren getrotzt und sich jeder sündhaften Versuchung erfolgreich zu erwehren gewusst hatte, bedeuteten ihre ehrfürchtigen Schritte auf den Stufen des Tempels für sie ein bisher ungekanntes Vorwärtsdringen in den lieblichen Gefilden ihres Glaubens, deren Geborgenheit sie sich unumkehrbar verschrieben hatte. Der Tempel war das Zentrum jener Gefilde, ein Ort, an dem die weltlichen und spirituellen Einflüsse des Seins in einem Punkt zusammenflossen und miteinander verschmolzen: Denn in ihm stand aufrecht und stolz, gleichzeitig aber liebevoll und vertrauenserweckend auf die Pilger hinabblickend, Seine Statue – das Bildnis des Erschaffers, des Erbauers, des Schöpfers selbst. Dieses marmorne, prächtige Bildnis war der Grund, weshalb sie, die sie das Ende der Treppe nun schon fast erreicht hatte, den weiten Weg von zu Hause in Kauf genommen hatte. Sie war noch jung, aber ihr Glaube war bereits ihr höchstes Gut.
Mit dem Erblicken Seines Antlitzes wollte sie sich von der Wärme, Liebe und Sündenlosigkeit Seiner vollkommenen Erhabenheit durchdringen lassen, ihren Kopf und alle unreinen Gedanken darin läutern, um letztendlich ihrem Ziel näher zu kommen: Ganz und gar im Glauben aufgehen zu können, in ihn einzutauchen und ihn in jedem Atemzug und jeder Zelle ihres Körpers spüren zu können.
Die Pforte öffnete sich langsam und würdevoll, woraufhin sie eintrat und es im ersten Moment nicht wagte, auch nur zu atmen. Ihre Augen wurden groß, der prachtvolle Mosaikboden unter ihr verwandelte sich scheinbar in Luft, sie wankte. Seine Statue erhob sich direkt vor ihr. Hitze stieg in ihr auf. Sich niederknieend, blickte sie an dem glänzend weißen Monument empor und erwartete jeden Moment, dass Er zu ihr herabkommen, sie mit Seiner Wärme berühren, ihre Sünden von ihr abnehmen, ihr die Herrlichkeit Seiner Existenz und die Richtigkeit Seines Glaubens vor Augen führen würde.
Doch ihr stockte stattdessen der Atem.
So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nun, da sie vor Ihm kniete, nirgendwo jene Liebe, Geborgenheit und Sündenlosigkeit entdecken, die vorzufinden sie fest überzeugt gewesen war. Nein, sie schaute vielmehr auf verborgenen Hass, vordringende Fremdartigkeit und ein verschreckendes sündenerfülltes Bild des Schöpfers. Sie konnte sich nicht erklären, was vonstatten ging. Die ehemals freundlichen, ehrfurchtgebietenden Gesichtszüge Seiner Statue gaben in ihren Augen plötzlich eine entstellte Grimasse von verabscheuungswürdiger Grausamkeit wieder; ebenso verwandelten sich die fein herausgearbeiteten Finger zu grob gemeißtelten Krallen, der aufrechte Rücken zu einem krummen Buckel und die vergoldeten Friedensinsignien, welche vom Bildnis des Schöpfers getragen wurden, zu verrosteten Mordwaffen.
Sie erhob sich schlagartig, ihren Augen noch immer nicht trauend. Sie hatte größte Mühen aufgewandt, um endlich an diesen Ort zu gelangen; doch was sie hier sah, war ein ins schreckliche Gegenteil verkehrte Abbild dessen, was ihr Glaube für eine fromme Pilgerin wie sie eigentlich hätte bereitstellen müssen. Was der Schöpfer ihr hätte erweisen müssen.
Ihre Beine trugen sie schneller von jenem Ort fort, als sie je zuvor gerannt war. Was sie antrieb, waren keine Gedanken, nicht Wut, Enttäuschung, Wahnsinn, Unglauben oder Verzweiflung – es war die Schande. Unwichtig, warum der Schöpfer ihr seine Herrlichkeit verwehrte. Er tat es, und sie war Seiner nicht würdig, war es gar nie gewesen, wie ihr nun bewusst wurde. Der Erschaffer hatte ihr ihre eigene Unwürde aufgezeigt. Es gab nun keine Läuterung mehr, nie würde sie sich wieder ihrem Glauben hingeben können.
Sie lief zur Brücke über den reißenden Fluss. Kein Laut drang aus ihrer Kehle, während sie fiel. Sie war eine Schande, und die schöne Welt hatte es nicht verdient, auf einen solchen Schmutzfleck aufmerksam gemacht zu werden.
Das Wasser fühlte sich so kalt an wie ihre Empfindung zum Schöpfer, als es ihre Kleider durchtränkte und sie in seine auswegslose Umklammerung zog.
Die Schande ... die Unwürde ...
Des Schöpfers Statue im Tempel stand erhaben und weiß wie eh und je, ein Objekt der bedingungslosen Anbetung, welches allein die Gefilde des Glaubens zu regieren beanspruchte, und dabei seinen Gläubigen zu lehren vergaß, dass es nur aus irdischem Marmor bestand.
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