Hallo,
ich habe die erstklassige Quest-Reihe kürzlich beendet und muss auch sagen, dass viele Fragen aufgeworfen werden.
Bei dem Text im Buch (oder in der Vision) liegt es nahe, dass mit "Sie" die verschleierte Frau gemeint ist. Jedoch auch nicht eindeutig.
In der letzten Vision spricht sie davon, "die Hüterin des Spiels" zu sein. Hüterin könnte sowas wie Schiedsrichterin bedeuten. Somit wäre sie neutral eingestellt. Sie erwähnt ebenfalls, dass ihre Taten nicht von Mitgefühl bestimmt sind. Ohne Mitgefühl aber, dürfte es ihr relativ egal sein, ob die Menschheit überdauert oder nicht. Dies zu erreichen, scheint also nicht ihr Ziel zu sein.
Andererseits sorgen die Hohen quasi für Vergänglichkeit. Würde die Menschheit den Zyklus überstehen, so wäre der - scheinbar von der verschleierten Frau erschaffene - Kreislauf durchbrochen und die Menschheit würde die von ihr in die Welt gebrachten (negativen) Emotionen wie Hass, Leid, Trauer etc. überwinden. Der von ihr initiierte Kreislauf wäre somit gescheitert und es würde sich möglicherweise wieder der ursprüngliche Zustand der beschriebenen "Leere" manifestieren.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Rolle der Rhalata. Diese möchte sich "befreien", von all diesen Emotionen, und scheint einen Zustand anzustreben, der jenem ähnelt, der die verschleierte Frau scheinbar so zum Verzweifeln brachte.
Allerdings betont sie in der letzten Vision, dass die Menschen immer wieder die gleichen Fehler machen und sich die Zyklen dadurch stets wiederholen. Man könnte also den Eindruck gewinnen, sie würde das als Problem erachten.
Dies könnte aber auch eine Finte sein, um ihr - durch die Opfer - die Möglichkeit zu geben, den Zyklus durch ihr materialisiertes Eingreifen aufrecht zu erhalten. Ihr entscheidendes Eingreifen zu Beginn ist es letztlich, was zur Vollendung des derzeitigen Zyklus führt, da der Protagonist zu einem "Fleischlosen" und somit zu einem unabdingbaren Werkzeug (Prophet) der Hohen wird.
Fraglich ist, weshalb die Teilnehmer des Rituals die verschleierte Frau überhaupt sehen konnten. Da sie keine materielle Gestalt annehmen kann - angeblich nicht möglich, ohne dem Opfer menschlichen Lebens - und es sich bei den Teilnehmern vermutlich nicht um Boten / Fleischlose handelte.
Wem erscheinen die Hohen? Menschen mit tiefen Abgründen und unerfüllten Wünschen. Tara gehört wohl definitiv dazu. Über die anderen Teilnehmer bzw. deren Motivation erfährt man soweit ich weiß nichts.
Es könnte sich bei der verschleierten Frau also auch um eine Hohe handeln.
Abschließend: die verschleierte Frau scheint den Kreislauf mit allen Mitteln am Laufen halten zu wollen, ihr eigenes Werk.
In diesem Sinne werden ihre Taten auch nicht durch Mitgefühl, besser gesagt durch Mitgefühl für den Einzelnen bestimmt, sondern durch das für sie objektive "große Ganze". Wer oder was auch immer sie ist, ihr Ziel scheint es zu sein, dem Leben - durch Vergänglichkeit - eine Bedeutung zu geben. Weil sie für sich erkannt hat, dass Gegensätze benötigt werden und kein Schwarz-Weiß-Schema, in dem alles nur eine eine Richtung verläuft. Vermutlich ist sie davon überzeugt, den Menschen damit den einzig wahren Wert des Lebens zu ermöglichen und setzt alles daran, dieses "Rad" am Laufen zu halten.
Zum alten Mann:
das ist ein kompliziertes Thema. Meine Theorie:
von all den späteren Ereignissen, welche er bereits geschnitzt hatte (die Begebenheiten mit den schwarzen Steinen, z.B. Calia am Ess-Tisch in einem seiner Zimmer), fiel mir Rynéus deutlich auf. Im Zimmer mit dem Bücher-Rätsel sieht man die Holzfigur eines kleinen Jungen, mit Nägeln in linker Kopfhälfte und linkem Bein. Das sind exakt die Körperregionen, in denen sich Rynéus Geschwüre breit machen.
In den verschiedenen Zyklen wiederholen sich zwar Ereignisse und Persönlichkeiten, aber nicht 1:1.
Die "Holzwerkstatt" des alten Mannes wirkt fast so, als würde er experimentieren, wie der Zyklus aufzuhalten ist.
Der Brief, verfasst von Gajus sowie die Frau im Wasser im Gewölbe des Anwesens deuten daraufhin, dass er sehr unter diesem Zustand leidet und bereits mehrfach vergeblich versuchte, das Blatt zu wenden.
An dieser Stelle kommen die schwarzen Steine ins Spiel. Anscheinend gibt es mehr als die 3, die man im Zuge der Haupt-Quest findet.
Ein schwarzer Stein, gut ersichtlich an Rynéus, besitzt die Möglichkeit, die Realität nach der eigenen Vorstellung zu formen.
Möglicherweise ging der alte Mann davon aus, dass ein schwarzer Stein in den Händen eines jungen, unverdorbenen Kindes eine bessere Realität erschaffen könnte. Zu diesem Zweck konstruierte er bei Rynéus diese schlimme Krankheit. Denn ein normales Kind, ohne überdurchschnittliche Makel, würde in der Regel nicht einfach so den Wunsch nach einer besseren, gerechteren Welt entwickeln.
Hierzu benötigt es einen großen Leidensdruck, wie bei Rynéus. Rynéus schlimmes Schicksal und der dadurch resultierende sehnlichste Wunsch nach einem besseren Umgang miteinander ist es letztlich, der zumindest Silberhain zu einem Hort des Friedens macht.
Ein schwarzer Stein, in den Händen eines Erwachsenen, mit seinen eigenen Vorstellungen, Wünschen, Sehnsüchten und v.a. - wie Enderal häufig andeutet - inneren Dämonen, würde nur zu Leid führen. Daher braucht es das unschuldige, in der Regel gute Gedankengut eines Kindes mit gegebener Motivation, überhaupt etwas an der derzeitigen Situation zu verändern. Wäre Rynéus nicht von diesen Geschwüren geplagt gewesen, hätte er vermutlich auch keine Ambitionen gehabt, sich eine gute, heile Welt zu ersehnen. Auch andere Kinder in diesem Alter könnten Probleme haben, siehe Tharael. Diese Erfahrung jedoch bspw. führte zu Rache.
Rynéus einziger Wunsch war es hingegen - aufgrund seiner Ausgrenzung wegen den Geschwüren - dass die Leute mit ihm und auch untereinander gut umgehen.
Und wie man im Zuge dieser Quest sieht, scheint es ja zumindest oberflächlich geklappt zu haben. Silberhain war einer der friedlichsten Flecken Enderals, solange es nach Rynéus Wünschen geformt wurde. Eine lokal begrenze Realität, die sich anders verhält als der Rest der Welt und dessen Grundlage dem Zyklus trotzen könnte.
Und hier kommt gewissermaßen auch wieder die verschleierte Frau bzw. besagtes Buch aus "Festung Fahlstern" ins Spiel:
Rynéus selbst sagt, dass er sich anfangs sehr über sein "neues Leben" gefreut hatte, er es aber sehr schnell nicht mehr so toll fand. Weil alle immer nur das machen, was er will. Es gibt in der von ihm geschaffenen Realität keine Gegensätze mehr. Das stellt auch ihn nicht zufrieden.
Der alte Mann hatte bestimmt sehr viele verschiedene Lösungsansätze ausprobiert und auch dieser ist wieder zum Scheitern verurteilt.
Wie genau der alte Mann das überhaupt anstellt, ist fraglich. Ggf. besitzt er selbst einen der schwarzen Steine, immerhin kann er wohl ein großes Anwesen mal so eben aus dem Nichts empor zaubern und auch wieder verschwinden lassen. Sprich: es ist ihm möglich, die Realität zumindest ein Stück weit nach seinem Willen zu formen.
"Mein Stolz war mein Fall" - notiert im Brief und des Rätsels Lösung im Anwesen - könnte darauf hindeuten, dass er, ähnlich wie der schwarze Wächter, versucht hatte, die Menschheit zum Besseren "umzuerziehen", damit aber scheiterte. Aus dem einfach Grund, dass er, wie auch der schwarze Wächter, eben noch immer menschlichen Ursprungs ist und somit denselben Schwächen unterliegt, die letztlich zur Läuterung führen.
Wenn selbst der schwarze Wächter menschliche Schwächen nicht ablegen konnte, dann der alte Mann vermutlich auch nicht. Seine war Stolz. Möglicherweise war er zu stolz zuzugeben, dass seine Bemühungen nicht zum Erfolg führten und sogar noch mehr Leid erzeugten. Wie es bei den 3 Quests zu den schwarzen Steinen zu sehen ist.
Was also ist der alte Mann? Nachdem das Haus verschwunden ist, befindet sich ein Schrein auf dem Grundstück. Das könnte darauf hindeuten, dass er so etwas wie ein göttliches Wesen ist. Hierzu gab es im damaligen Enderal Release-Trailer ein Zitat: "Ein wahrer Gott ist ein Zustand, dessen Existenz allein die Realität nach seinem Willen formt".
Er könnte auch ein Bote eines vorangegangenen Zyklus sein. Diese Theorie ist mir jedoch etwas zu dünn.
Zumal er in einer Situation äußert: "Wer ich bin? Darauf hätte ich euch früher eine eindrucksvolle Antwort geben können.". Das deutet eher darauf hin, dass er nicht "unbedeutend" war. Vllt. war er ja sogar ein Wissenschaftler, der sehr überzeugt von seinen Ideen und Ansichten war und zu spät erkannte, dass er sich mit seinem Schaffen auf dem Holzweg befindet.
Es wäre auch möglich, dass er selbst die schwarzen Steine erschaffen und in der Welt verteilt hat. In der Hoffnung, dass die Macht eines solchen Artefakts in den richtigen Händen zu einer besseren Welt führen könnte. Er selbst hat ja eingesehen, dass es nichts bringt, Menschen von seinen Ansichten überzeugen zu wollen.
In Verbindung mit den "Schicksalen", die er in seiner Werkstatt schnitzt, könnte er versucht haben, eine Einsicht zu erzwingen.
Zusätzlich scheinen die schwarzen Steine nur von jenen angezogen zu werden, die gravierende negative Emotionen in sich tragen. Ohne einen subjektiven Missstand, sähe sich möglicherweise eine andere Person gar nicht veranlasst, dieses Artefakt zu nutzen.
Calia = Trauer
Rynéus = Angst
Adila = Rache
Vermutlich hoffte der alte Mann darauf, dass Menschen in diesen Situationen die Steine nutzen könnten, um aus ihrem Leiden und dem daraus resultierenden Wunsch nach Veränderung, die Welt zu verbessern. Was sich jedoch als Trugschluss herausstellte.
Viel spannender als das wer oder was, ist für mich seine Motivation.
Puh, ist das lang geworden
