Gamedesigner wie Nico, Ryneus und der alte Mann

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Maschendraht
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Zugegeben, ein überspitzter Titel. :D Ich möchte hier mal ein Thema ansprechen, was glaube ich noch nicht ausführlich behandelt wurde. Jedenfalls vermute ich, dass die Quest um Ryneus auch eine Abhandlung über das Verhältnis von Spieleentwickler und Spieler ist und damit von Künstler und Rezipient im Allgemeinen.

Fangen wir mit einer einfachen Beobachtung an: Ryneus möchte mit dem Maincharacter spielen (zuerst Bogenschießen), was zur Folge hat, dass wir ein Spiel im Spiel haben: wir spielen zuhause am PC einen Charakter, der mit jemandem spielt. Genauer gesagt spielen wir aber nicht „mit“ Ryneus, sondern er lässt unseren Character spielen und schaut begeistert zu. Das Bogenschießen ist seine Idee, und er steuert die Geschwindigkeit. Damit hat er den Schwierigkeitsgrad bestimmt, so wie die Entwickler von Enderal auch für uns am PC. Ryneus ist damit für den Maincharacter buchstäblich der Gamedesigner des Spiels. Und als guter Spieleentwickler steigert er den Schwierigkeitsgrad. Gut, die nächste Aufgabe ist dann eine Sammelquest, allerdings muss man manche Schmetterlinge erst finden und dann auch fangen. Hier passt mein Ansatz nicht ganz so gut. (Ich vermute, hier ging es Nico eher darum, den Spieler in eine idyllische Stimmung zu versetzen, um den Kontrast zum Questfinale zu verstärken) Jedenfalls hat Ryneus dem Maincharakter eine Belohnung fürs „Durchspielen“ versprochen – den schwarzen Stein – wie es sich für ein anständiges Spiel gehört.

Nun geht es weiter in die Höhle, und dort offenbart Ryneus den dritten Wunsch: er möchte, dass wir für immer bei ihm bleiben und mit ihm spielen, er sagt sogar, dass seine Spiele toll wären bzw. dass er sich Mühe geben wird, viel bessere Spiele zu entwerfen. Ist das nicht auch ein naiver Wunsch des Gamedesigners? Dass der Spieler weiterhin mit ihm spielt, indem er das jeweilige Spiel weiterspielt. Ein bisschen wehmütig macht es Nico offenbar schon, dass er weiß, dass der Spieler seinem Werk irgendwann den Rücken kehren wird. Dagegen will er etwas tun und arbeitet darum an einem DLC :D

Ryneus ist zudem der Erschaffer dieser Spielwelt "Silberhain". So wie ein Programmierer eine Welt programmiert hat, in der er sozusagen Gott ist und die „Wirklichkeit“ physisch verändern kann. Und er findet, dass der Maincharakter anders ist: er kann ihn nicht in der Weise steuern, wie die anderen Dorfbewohner. Diese kann er kontrollieren, wie ein Entwickler seine NPCs, aber nicht den Maincharakter (der in Wirklichkeit vom Spieler gesteuert wird). Das gipfelt dann in der Aussage: „du siehst zwar alles so wie die anderen, aber du machst, was du willst". Das passt einfach echt gut auf Videospiele

Wie ich alles danach da unterbringe, weiß ich noch nicht. Das ist allerdings auch nicht unbedingt nötig, da man vermutlich ohnehin nicht alles mit einem einzigen Ansatz erklären kann. Diese Ebene ist auch nur ein Aspekt: in Bezug auf die Mainstory ist Ryneus ein erschütterndes Beispiel für die menschliche Schwächen eines hilflosen Kindes, also die Realitätsflucht vor einer unerträglichen Wirklichkeit. Und auch als Geschichte über Intoleranz und Behindertenfeindlichkeit ist die Quest natürlich grandios. Aber das alles schließt sich ja nicht aus, sondern im Gegenteil, wenn das stimmt, ist es genial ineinander verzahnt.

Ein anderer „Programmierer“, der die physische Welt verändern kann, ist der alte Mann, der sein Haus verschwinden lassen kann. Er wusste auch, dass wir kommen würden, wie auch die Enderal-Entwickler. Er ist ein Künstler und fertigt Statuen von u. a. Calia und Ryneus in relevanten Situationen. In unserer Welt hat das SureAI und insbesondere Nico gemacht, also sie haben die Figuren entworfen und geschrieben und damit im übertragenen Sinne die Figuren geschnitzt. Der gemeinsame Nenner zwischen beidem ist, dass es Kunst ist – die beiden unterscheiden sich nur im Medium. Ich halte es sogar für denkbar, dass der alte Mann tatsächlich ein Stellvertreter für Nico sein soll. Der alte Mann sagt, „Kunst lässt uns hinsehen, wo der Verstand wegsehen möchte“, und erklärt: Kunst kann uns zeigen, wer wir wirklich sind. Genau darum geht es auch in Enderal: die Geschichten rund um Calia, Ryneus, und ihre Konflikte sollen uns etwas über unsere menschlichen Schwächen sagen, die jeder hat, die wir aber nicht sehen wollen.

Ich glaube aber nicht, dass hier nur ein Entwicklerkommentar abgegeben werden soll. Bestimmt hat der alte Mann auch innerhalb der Welt von Vyn eine Rolle. Vielleicht steht er für die Kunst allgemein. Das würde zumindest erklären, warum Arantheal einmal sagt, dass er eine neutrale Macht ist – Kunst kann sich eben auch für das Böse einsetzen und sich irren und ist menschlichen Schwächen unterworfen. Im Fall des alten Mannes war es Stolz („Stolz war mein Fall“). Stolz wird vom schwarzen Wächter auch als eine von mehreren Eigenschaften genannt, wegen denen die Menschen letztlich die Läuterung einleiten.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist das Verhältnis von Ryneus und dem alten Mann. Der alte Mann hat Ryneus' Statue in seinem Arbeitszimmer, also an prominenter Stelle. Ryneus ist ja auch irgendwie ein Künstler, da er die Wahrnehmung der Welt (in Silberhain) bestimmen kann. Und er hat ein Bild gemalt. Aber darauf zu sehen ist nicht die Welt, wie sie wirklich ist, sondern ein Wunsch, von dem er den Maincharacter überzeugen möchte: dass der Maincharakter und er zusammenbleiben (beide im Sonnenuntergang Hand in Hand). Vielleicht steht das für ein Verständnis von Kunst, die versucht, eine bessere Wirklichkeit herbeizuschreiben. In der Realität gibt es das ja auch: angenehme Geschichten mit Happy End, die uns als Vorbild dienen sollen. Vielleicht aber dadurch das Übel nur verschleiern, wie die Geschichte des Dorfes aber zeigt, das durch Ryneus Wunschdenken ausgelöscht wurde. Ganz anders als der alte Mann, der die Menschen durch Kunst mit ihren realen Schwächen konfrontieren möchte. Damit können wir auch erklären, warum er sich als fleischlosen Beobachter bezeichnet: er ist Beobachter, weil er für seine Arbeit die Natur des Menschen beobachtet und sieht, wie sie wirklich ist. Und fleischlos ist er, weil er eine konstante Größe menschlicher Kultur ist.

Stehen die beiden also für künstlerische Gegensätze, oder ist das alles Zufall? Dass der eine ein naives, unschuldiges Kind ist und der andere der verbitterte „alte Mann“ ist, macht es für mich aber eher noch wahrscheinlicher, dass beide als Gegensätze irgendwie zusammengehören sollen. Das alles klingt nach sehr viel Interpretation, das ist mir klar. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwie auf einer vielversprechenden Fährte bin.
Kermit 61
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@Maschendraht (nicht der Zaun denke ich... :wink: ?)
Bin mir nicht sicher ob ich deine Gedanken richtig verstanden habe :dumb: !
Ist es nicht normal dass ein Künstler seine Persönlichkeit bzw. eigenen Gedanken und Ansichten in seine Werke einfließen lässt?
Sei es nun bewusst oder nicht.

Nico liegt ja nun altersmäßig eindeutig irgendwo zwischen Ryneus und dem alten Mann (mehr Richtung Ryneus...).
Um das weiter zu spinnen wäre es jetzt interessant wer wäre nach deinen Theorien der aktuelle Nico? Jespar? Die verschleierte Frau um die sich auch auch diverse Fragen drehen? Wobei die ist auch zu alt und das Geschlecht passt nicht... :?:
Maschendraht
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(nein, nicht der Zaun :wink: )
Kermit 61 hat geschrieben:
Ist es nicht normal dass ein Künstler seine Persönlichkeit bzw. eigenen Gedanken und Ansichten in seine Werke einfließen lässt?Sei es nun bewusst oder nicht.
jein. Natürlich fließt immer etwas von der Persönlichkeit mit ein. Was ich meine ist aber, dass im Kunstwerk Enderal ein Künstler (alter Mann) auftritt, der das Kunstwerk erklärt und dort Übereinstimmungen hat mit dem realen Erschaffer des Kunstwerks. (nämlich das Ziel, mit Kunst auf menschliche Schwächen hinzuweisen). Und im Game taucht quasi ein Gamedesigner auf, der zum Character ein Verhältnis hat, wie der Entwickler zum Spieler. Das finde ich schon auffällig. Dieser ist in erster Linie Nico, weshalb ich ihn herausgegriffen habe, aber natürlich nicht nur. Und er würde wohl auch nicht als Privatperson dort auftauchen. Daher sind Geschlecht und Alter eher nebensächlich, denke ich. Wenn, dann spielt das höchstens symbolisch eine Rolle, aber darüber kann man wirklich nur noch spekulieren.

Lass es mich nochmal so erklären: Wir haben im Haus des alten Mannes Calia, Ryneus, Calias Vater und andere Situation aus dem Spiel als Beispiele für menschliche Schwächen. Dazu noch die Läuterung ("Ernte"). Haben wir damit nicht die ganze Thematik des Spiels dort? Nur sehr grob, aber die Statuen sind doch im Grunde Enderal in a nutshell. Und wer ist dann der Erschaffer dieser Kunstwerke? Da liegt es doch nahe, den Entwickler von Enderal selbst zu vermuten. Und dann sagt der auch noch, dass man mit Kunst den Blick auf die inneren Dämonen lenken kann, was wohl unbestritten die Kernaussage des Spieles ist.

Stell dir vor, du liest ein Buch, z. B. Harry Potter, und dort taucht in einem Kapitel ein Typ auf, der ein Buch über einen jungen Zauberschüler schreibt, der auf eine Zauberschule geht und einen Jungen und ein Mädchen kennenlernt und von einer bösen Macht verfolgt wird. Verstehst du, was ich meine?
Kermit 61
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Maschendraht hat geschrieben:
Stell dir vor, du liest ein Buch, z. B. Harry Potter, und dort taucht in einem Kapitel ein Typ auf, der ein Buch über einen jungen Zauberschüler schreibt, der auf eine Zauberschule geht und einen Jungen und ein Mädchen kennenlernt und von einer bösen Macht verfolgt wird. Verstehst du, was ich meine?
Ja ich denke schon. Wobei das Lesen der Potters bei mir schon eine Weile her ist (bis auf den letzten über das Bühnenstück). Denke dazu müsste sich jetzt Nico selbst reflektorisch mal zu äußern :wink:
Auch wenn er manches Geheimnis nicht offenbaren sondern der Fantasie des Zuschauers respektive Spielers überlassen will (was war jetzt mit dem alten Sack???).
Und immer noch nicht geklärt währe wer ist Nico mit etwa Mitte 20 im Spiel :lol:
Metanoeite
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Ryneus ist ein traumatisiertes Kind, das durch den Schwarzen Stein die Macht bekommen hat, die Welt nach seinem Willen zu verändern und andere Menschen zwingt, zu tun, was er will. Wäre Ryneus kein hilfloses Kind, sondern ein Erwachsener, der diese Macht nutzt, so bin ich mir sicher, dass die meisten Spieler so gar nicht mit ihm klarkommen würden. Die Kontrolle funktioniert beim Spieler ja nur nicht, weil er
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ein adaptives Echo ist, das auf die Erinnerung eines Menschen "gebaut" wurde, und somit gar kein Mensch im eigentlichen Sinne ist und getrieben wird von Wünschen des alten Ichs, die unerreichbar sind, und das Streben danach wird von anderen ausgenutzt. Was noch keiner thematisiert hat hat: Ryneus ist ein Gegenentwurf dessen, er ist ein echter Mensch, er hat die Macht seine Wünsche zur Realität werden zu lassen, eine Macht, die die Fleischlosen selbst gerne gehabt hätten, um die Katastrophe abzuwenden. Ihre Rollen sind mit denen von Ryneus verglichen nicht wirklich verschieden. Als Ryneus Welt zerstört wurde, hatte er die Fähigkeit, Gedanken Realität werden zu lassen. Und dadurch auch die anderen im Dorf am Leben erhalten. Eine Fähigkeit, die der Spieler am Ende wohl auch gut gebrauchen könnte.
Das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, ob der Gedanke nicht etwas zu allumfassend ist, das Ryneus-Spiel als Metapher für das Leben eines Gamedesigners zu verstehen, das jemand das Spiel selbst spielen soll.
Kermit 61
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Metanoeite hat geschrieben:
Das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, ob der Gedanke nicht etwas zu allumfassend ist, das Ryneus-Spiel als Metapher für das Leben eines Gamedesigners zu verstehen, das jemand das Spiel selbst spielen soll.
Natürlich ist da viel rein interpretiert. So habe ich den Verfasser der Theorien auch verstanden. Aber stellt euer Licht nicht unter den Scheffel. Ist doch alles eine gute Story. Egal ob ihr gerne Künstler oder Spiel Designer genannt werden möchtet.
Ich denke dennoch der Kreative spiegelt sich in seinem Werk irgendwo wider. Um Details geht es nicht. Und klar natürlich hatte ich alle Schmetterlinge gefangen... 8) :wink:
Ja und ich weiß das mit dem alten Mann wollt ihr eh nicht aufklären. Falls ihr überhaupt so weit gedacht habt und das möglich ist. Bleibt der Fantasie des Spielers überlassen :wink:
Nicolas Samuel
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Um meinen Senf dazuzugeben: Ich finde deine Theorie ziemlich interessant, Maschendraht! Ich kann dir zwar sagen, dass ich beim Schreiben der Quest nicht so weit gedacht habe, aber natürlich ist es, wie du schon vermutet hast, immer so, dass man sich selbst sehr in das Spiel einbringt, auch unbewusst. Witzigerweise habe ich durch die Spieler-Analysen von Enderal sehr viel über mich gelernt, so paradox das auch klingt. :)
Celestis
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@Nicolas:
Natürlich träumt jeder davon, eine Geschichte zu erzählen, die auch erlebt und gespielt wird.
Die also den Geschmack der Spieler trifft. Communitys können sehr kritische Zuschauer sein,
wenn ihnen etwas nicht gefällt oder wenn sie etwas langweilig finden, dann zeigen sie das auch
direkt. Wer aber schon mal Nehrim oder Enderal gespielt hat, die sich mit einer begeisterung
in eine Geschichte vertieft haben, der hat spontan seine Reaktionen geäußert. Der Spieler
wird dieses wunderbare Erlebnis, sei es in Nehrim oder in Enderal nie mehr vergessen.

Die Spieler sollen sich für ein Spiel entscheiden, weil sie sich für die Geschichte interessieren
oder sie davon schon mal gehört haben. Sei es aus Zeitschriften oder Trailers. Eure Spiele sind
ein pures Erlebnis. Und am Ende hat jeder sein eigenes Spiel erlebt. Im Austausch über das
Erlebte Spiel, bekommen auch die Autoren oft eine ganz neue Sicht auf Ihr Spiel, weil es dem
Spieler einen anderen Aspekt gezeigt hat.

Das Reden über das Gesehene in Enderal gehört nun mal dazu. Meist beginnt das gleich nach
dem ersten 10-20 Stunden, dass man sich die besten Erlebnisse eines Spiels erzählt, obwohl
man sie gerade erst gesehen bzw. erlebt hat.

LG
Celestis
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